Orangen. Das dümmste Obst, das als Nachtisch auf einem Krankenhausessenstablett liegen kann. Es ist schon dreist, jemandem in einer (psychischen und/oder physischen) Ausnahmesituation, ein Stück Obst als Nachtisch verkaufen zu wollen. Aber dann auch noch eine Orange? Ich mein ehrlich, wer schafft es denn bitte, mit einem stumpfen Buttermesser, vielleicht auch noch im Bett liegend, eine Orange so zu zerteilen, dass man nach deren Genuss kein Vollbad, eine Zimmerreinigung und frisches Gwand braucht?
Zugegeben, bettlägerig war ich in den letzten Wochen grad nicht, aber nach einer Woche in einem kleinen Krankenhauszimmer, mit einem frisch operierten und entsprechend gelaunten Kind, wünscht man sich eben, dass wenigstens nicht auch noch der Nachtisch eine Herausforderung darstellt, die es zu bewältigen gilt.
Herausforderungen gab es nämlich in letzter Zeit genug:
Rosies Hüftdysplasie musste operiert werden, und die auf eine derartige OP folgende Rekonvaleszenzzeit umfasst eine 6-wöchige Liegephase in einem speziell angepassten Schaumstofflagerungselement, sowie eine 4-wöchige Reha, um zumindest wieder ein bisschen der verlorengegangenen Kraft und Beweglichkeit wiederzuerlangen.
Zunächst ging es also mal um die Planung der ganzen Angelegenheit. Wenn die Rehaklinik den Termin ohne Genehmigung der Krankenkasse nämlich nicht reserviert, die Krankenkasse die Reha aber erst nach erfolgter Operation bewilligt, dann geht sich das mit dem empfohlenen Abstand von 8-10 Wochen zwischen OP und Reha aufgrund der Bearbeitungszeiten der Kasse und der Wartezeiten auf einen Klinikplatz nämlich so richtig nicht aus, und zwar, wenn´s blöd läuft, um Monate. Auf die Frage, wie man dann bitteschön den Anweisungen der Ärzte entsprechen und seinem Kind die optimale postoperative Versorgung ermöglichen soll, erntet man maximal ein Schulterzucken und die Aussage, man wäre nicht der/die Einzige mit diesem Problem. Na toll.
Wenn ich in den letzten Jahren mit Rosie aber eines gelernt habe, dann ist das, ein erstes (oder auch schon mal ein zweites oder drittes) „Nein“ nicht zu akzeptieren, sondern mich bis zu dem einen Menschen durchzufragen, für den vernünftige Argumente mehr zählen als das Kacken von Korinthen. Oder dem ich schlicht und ergreifend zu lästig bin, und der mir deswegen lieber die Antwort gibt, die ich hören will, anstatt sich noch weiter mit mir auseinandersetzen zu müssen. Mein riesengroßer Dank geht an dieser Stelle an meinen Helden der SVS: Herr S., ich ordne Sie der ersten Kategorie zu, und schließe Sie seit Weihnachten regelmäßig in mein Abendgebet mit ein.
Nachdem die Planung der OP, der Reha und der anschließenden Betreuung und Bespaßung durch Verwandte, Freunde und eine Moki* erledigt war, begann unsere Zeit der Absonderung. Rosie durfte nicht mehr in den Kindergarten, unsere sozialen Kontakte wurden auf Spaziergänge mit großem Abstand und Telefonate beschränkt, und wenn wir doch mal einen Arzttermin hatten oder einkaufen mussten, dann wurde auch das Bärli mit einer (ob ihres Miniformats beinahe niedlichen) FFP2 Maske ausgestattet. Denn die Operation covidbedingt verschieben, und mit der ganzen Abstimmung von vorne beginnen zu müssen, das wollte ich mir ganz, ganz dringend ersparen.
Der nächste Schritt führte uns zur OP-Anmeldung ins Krankenhaus, wo wir über fünf Stunden zwischen den diversen Ambulanzen herumgeschickt wurden, übrigens für eine Nettogesprächszeit von etwa 45 Minuten. Den Rest der Zeit verbrachten wir sitzend auf der mäßig bequemen Wartezimmerkunststoffbestuhlung, bzw. im Rolli. Zwar hatte man uns zuvor schriftlich empfohlen, für diesen Termin etwas Zeit mitzubringen, aber mit meiner Definition von „etwas Zeit“ hatte ich mich gewaltig verschätzt.
Als wir zwei Wochen später schließlich zur OP ins Krankenhaus einrückten, war mein Energielevel also bereits, man könnte sagen, überschaubar. Dabei hatte der wahre Stress ja noch nicht mal begonnen.
Sein Kind an einer Schleuse abzugeben, um dann darauf zu warten, dass jemand durch eine Tür kommt, und einem sagt, was während der letzten Stunden passiert, und ob alles gut gegangen ist, das ist bestimmt für alle Eltern eine äußerst spezielle Situation. In meinem Fall kommt leider noch dazu, dass dabei längst verarbeitet zu haben geglaubte Gefühle getriggert werden, und Bilder aus unserer Anfangszeit im Krankenhaus in meinem Kopf aufpoppen, die nach jahrelanger Therapie irgendwo in einem verstaubten Winkel meiner Erinnerung Platz gefunden haben, mit dem Ziel, sie dort langsam, aber sicher, verrotten zu lassen.
Dass ich also nach fünf Stunden des Wartens (ich hatte aufgrund vorheriger Aussagen von Ärzten und Pflegepersonal mit drei bis vier Stunden gerechnet) nicht mehr im Besitz eines wahnsinnig stabilen Nervenkostüms war, ist meiner Meinung nach irgendwie verständlich. Ich war aber weit davon entfernt, verzweifelt zu heulen, die Mitarbeiter mit Fragen wahnsinnig zu machen oder gar, meine Stimme zu erheben. Dennoch wurde ich gleich beim Betreten des Aufwachraumes mit den freundlichen Worten „Sie beruhigen sich jetzt bitte erst mal!“ empfangen. Na gut, dachte ich, vielleicht verströme ich trotz äußerlicher Gelassenheit doch eine gewisse Unruhe. Tief durchatmen also.
Der Anblick von Rosie, ganz blass und klein in ihrem Bett, mit Zugängen, Schläuchen, Drainagen, und umgeben von piepsenden Monitoren, war dann aber doch etwas viel fürs Gemüt. Dazu kam ihr Blick, in dem sich Angst und Schmerz und Unverständnis mischten, denn das arme Bärli hatte ja nicht mal wirklich eine Ahnung, wieso es sich gerade so beschissen fühlte. Da zerreißt es einem das Mutterherz, so emotional stabil kann man gar nicht sein.
Natürlich hat Rosie geweint, gebrüllt und gewimmert, und natürlich hatte ich erst mal keine Ahnung, was ich dagegen machen soll. Auf die Frage der Ärztin, ob sie denn Schmerzen hätte, konnte ich also nur ganz ehrlich mit „Ich weiß es nicht.“ antworten. „Aber sie kennen doch ihr Kind!“, meinte sie, leicht irritiert. „Ja schon, aber nicht so!“, gab ich zurück, was mir das zweite „Sie beruhigen sich jetzt bitte erst mal!“ des Tages bescherte. Das war dann der Moment, an dem meine Contenance beschloss, sich bis auf Weiteres zu verabschieden, und ich die nächsten 20 Minuten erst mal still in meine FFP2 Maske weinen musste, immer darauf bedacht, Rosies Kopf zu streicheln, ohne an einem der Schläuche anzukommen, und möglichst niemandem hier unangenehm aufzufallen, um nicht nochmal angepfiffen zu werden.
Die nächsten vierundzwanzig Stunden versuche ich weitestgehend zu verdrängen, denn auf die Erinnerung an stundenlanges Stehen im Aufwachraum, ein kaum zu beruhigendes Kind, schwallartiges Erbrechen von der Narkose, eine mehr oder weniger durchwachte Nacht und das Gefühl totaler Überforderung meinerseits, kann ich wunderbar verzichten.
Das größte Drama hatten wir Gott sei Dank nach etwa zwei Tagen überstanden. Rosie war natürlich furchtbar quengelig, hat viel geweint, wollte nicht lesen, nicht fernsehen, nicht essen und nicht spielen, aber mein Umgang mit Themen wie Lagerung, Wickeln, Waschen und Wundpflege wurde von Tag zu Tag besser, trotz der vielen Schläuche, die immer noch an meinem Kind montiert waren, und die Schwestern auf der Station hatten wesentlich mehr Verständnis für meine Situation, als die bösen Hexen im Aufwachraum.
Sie hatten sogar so viel Verständnis, dass sie mir auf meine Bitte hin an Tag Zwei nach der OP mit vier Tropfen Psychopax** ausgeholfen haben, um meine Nerven ein wenig zu stabilisieren. Rosie hatte es sich nämlich zur Angewohnheit gemacht, die ersten vier Stunden des Tages ziemlich durchgehend zu brüllen, und um etwa fünf Uhr früh damit zu beginnen, also war ich gegen neun Uhr schon recht geschlaucht. An Tag Drei wurde mir die gleiche (übrigens recht schwache) Dosierung dann vom zuständigen Arzt mit der Begründung verweigert, dass ich nicht als Patientin aufgenommen sei, sondern lediglich als Begleitperson. Passedan*** könne er mir stattdessen geben, die würden ähnlich wirken. Ich musste so lange hysterisch lachen, bis er irgendwann beleidigt abgezogen ist. Mag sein, dass ich mir damit keinen Freund fürs Leben gemacht habe, aber was soll ich sagen: genauso gut hätte er mir Bachblüten antragen können.
Nach einer Woche durften wir endlich wieder nach Hause, und seitdem versuchen wir, uns so gut es geht die Zeit zu vertreiben, mal mit mehr, und mal mit weniger Erfolg. Das Kind raunzt, quengelt, und schaut selbstverständlich unverhältnismäßig viel fern, und da mir anstrengende und stressige Situationen leider nicht auf den Magen schlagen, sondern ich eher zum Typ „Her mit dem Comfort Food!“ gehöre, ich habe beschlossen, das Thema Bikinifigur, wenn überhaupt, dann mit einer Saftkur im Juni anzugehen. Im Moment hab ich dafür einfach keine Reserven übrig. Scheiß auf Orangen. Mama braucht Schoki!
*Mobile Kinderkrankenschwester, siehe auch A-Z
**für alle, die es nicht kennen: das ist eine Art flüssiges Valium, also Diazepam, und in Situationen besonderer psychischer Belastung eine feine Unterstützung, um ein gewisses „Wurschtigkeitsgefühl“ zu entwickeln, während man aber trotzdem noch funktioniert. Keine Dauermedikation natürlich, aber wenn man das Gefühl hat, dass das Wasser grad immer höher steigt, dann ist es schön, wenn man sich mal an einem Rettungsring festhalten kann, bis es wieder sinkt.
***Passionsblumentropfen, die sich zu Diazepam in etwa so verhalten wie ein Fiaker zu einem Ferrari. Eh fein, aber wenn´s schnell gehen muss, dann weiß man, wofür man sich entscheidet.

Daweismannix zu schreiben!! – jeder Beitrag von mir kann nur danebengehen!! – Du(ihr!) seids ein Wahnsinn!!