Die Adeli-Experience, Teil 1

Neues Spiel, neues Glück – neues Rehazentrum.

Da wir, aufgrund der verrückten Wartezeiten auf neuropädiatrische Rehas in Österreich, dieses Jahr erst im späten Frühjahr bzw. Sommer einen Platz bekommen hätten, und ich echt keine Lust auf vier Wochen Klinikkomfort habe, wenn bei uns daheim mal die Terrassensaison eröffnet ist, und der Aperolspritzer wieder schmeckt, haben wir uns dazu entschieden, die Gelegenheit zu nutzen, und das Adeli-Konzept in der Slowakei auszuprobieren. Dabei handelt es sich um ein intensives Reha-Programm, bei dem man, soviel wir gehört haben, einen guten Eindruck davon bekommt, wieso die Turnerinnen aus unseren östlichen Nachbarländern bei Wettbewerben immer so gut abschneiden. Hier bekommt man für sein Geld so richtig was geboten, trainingsmäßig.

Und Geld kostet es auch nicht zu knapp, denn € 310.- pro Therapietag (exklusive Kost und Logis) sind schon eine Ansage. Die Rechnung dafür muss man zunächst mal aus eigener Tasche bezahlen, und bekommt erst hinterher, und auch das nur, wenn man Glück hat, einen Teil des Geldes von der Krankenkasse refundiert. Man kann sich vorstellen, dass hier daher auch recht kurzfristig Plätze verfügbar sind. Wie immer gilt: Behinderung muss man sich leisten können.

Die erste Woche haben wir also hinter uns, und was soll ich sagen: wer hätte gedacht, dass mir die wolkenverhangene Einöde in Judendorf-Straßengel, samt Radio Steiermark, Jugendherbergsflair und Kernölüberdosis, einmal fehlen würde?  Aber so ist es. Der Mensch ist wohl tatsächlich ein Gewohnheitstier.

Dabei ist es, objektiv betrachtet, echt nicht schlecht hier. Gut, das Gebäude verströmt einen gewissen 70er-Jahre-Charme und bröckelt an den Ecken schon etwas auseinander, und das Geld, das der Aufenthalt hier kostet, wird augenscheinlich nicht in die Zimmerausstattung gesteckt. Aber darum geht es ja auch nicht primär, obwohl ein gewisser Wohlfühlfaktor durchaus einmal eine willkommene Abwechslung dargestellt hätte. Wir sind zwar auf Reha, und nicht im Urlaub, aber der bestimmt wohlgemeinte, oft gehörte (und von pflegenden Eltern eher belächelte) Rat: „Sieh es doch als Auszeit“, wäre mit einer geschmeidigen 4-Sterne-Unterbringung schon irgendwie leichter umzusetzen. Naja, das Leben ist halt kein Wunschkonzert, so viel habe ich nach fast 6 Jahren Rosie schon verstanden.

Egal, zurück zum Thema: Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich werde mit der Bude hier einfach (noch) nicht warm. Das liegt nicht an den Mitarbeiter*innen, die durch die Bank freundlich und zuvorkommend sind. Die Therapeut*innen machen einen kompetenten Eindruck, der Therapieplan ist ungewöhnlich gut gefüllt, und die ersten netten Bekanntschaften haben wir bereits beim Einchecken an der Rezeption gemacht. Es fehlt uns also nicht mal an Spaziergeh- und Kaffeetrinkgesellschaft, obwohl es hierbei natürlich Sprachbarrieren zu überwinden gilt. Nicht, weil wir uns in der Slowakei befinden, sondern weil die allermeisten Gäste hier Deutsche sind. Und die können mit vielen meiner österreichischen Ausdrücke natürlich nichts anfangen. Allerdings sind sie lernwillig, und ich nehme meinen interkulturellen Bildungsauftrag ernst. Wie sind bereits bei den mannigfaltigen Bedeutungen des Wörtchens „Oida“ angekommen, und mein Ziel ist es, dass bis zum Ende der nächsten Woche zumindest eine*r, bewusst oder unbewusst, diese kostbare Perle des alpenländischen Sprachschatzes in einen Satz einbaut. Sollen ja auch die Begleitpersonen was mitnehmen von ihrem Aufenthalt hier.

Aber ich schweife schon wieder ab. Eigentlich will ich ja gerade der Frage auf den Grund gehen, was in mir diese unerwartete Sehnsucht nach dem zentralsteirischen Nebeltal auslöst.

Den Hauptgrund stellt vermutlich des Kindleins miese Laune dar, denn die ist wesentlich schwerer auszublenden als kaputte Fliesen oder Plattenbauästhetik. Dass das Programm hier ein straffes ist, war uns, wie eingangs erwähnt, bereits im Vorfeld klar. Dass Rosie sich dadurch aber motiviert fühlt, sich wie in guten alten (und in meiner Erinnerung schon fast verblassten) Zeiten durch drei Therapiestunden hintereinander zu brüllen, macht mir schon zu schaffen. Ich lasse mich ja selten durch die Tobsuchtsanfälle meiner Tochter beeindrucken, und selbst besonders dramatische Vorstellungen und ganz arme Dackelblicke perlen, vor allem, wenn es um Dinge geht, die ich Rosie einfach nicht ersparen kann, von meiner zynischen und erbarmungslosen Seele in aller Regel ab wie Wasser von einem Seerosenblatt. Aber vor dem Therapieraum zu sitzen, während drinnen das Kind weint und „Mama“ ruft, oder noch schlimmer, im Therapieraum zu sitzen, und dadurch den Therapeuten jede Restchance zu nehmen, sie doch noch zur Mitarbeit zu überreden, weil sie mir dann nur noch ihre Arme entgegenstreckt und sich erst beruhigen lässt, wenn sie tatsächlich auf mir hängt, das knackst durchaus auch meine für gewöhnlich eher harte Schale an.   

Ich bin sicher streng, aber ein kaltschnäuziges Arschloch bin ich halt auch nicht. Und so kämpfe ich heftig mit mir, wäge ab und überlege, wie es weiter gehen soll, während ich hoffe, dass die nächsten Tage wieder besser laufen. Denn natürlich könnte ich Rosie aus der Situation nehmen, ihr all jene Therapien, die sie als allzu anstrengend empfindet, ersparen, und einfach mal ein bis drei Gänge runter schalten. Aber weniger Therapie heißt im Umkehrschluss leider auch weniger Beweglichkeit, weniger Muskeln, verkürzte Sehnen, steife Gelenke, Schmerzen, Deformationen des Stützapparates sowie Atem- und Verdauungsbeschwerden, um nur ein paar der Highlights zu nennen, mit denen CP-Patient*innen im Laufe ihres Lebens gerne konfrontiert werden. Denen kann man zwar mitunter durch Medikamente und operative Eingriffe ein Stück weit entgegensteuern, aber irgendwie klingt regelmäßige Therapie da doch noch etwas verlockender und vor allem nachhaltiger. Und dazu gehören nun mal auch solche Intensivwochen wie die, die wir gerade durchziehen.

Eine CP verwächst sich nicht, und Spasmen lassen sich nicht wegtherapieren, auch wenn man noch so viel übt. Um übermäßige Verschlechterungen zu verhindern, wird Rosie jedoch, so leid mir das für sie tut, ihr Leben lang daran arbeiten müssen, dass ihr Körper sie nicht völlig im Stich lässt, falls sie, wenn schon kein selbständiges, dann doch zumindest ein halbwegs schmerzfreies Leben führen will. Und so lange sie noch nicht dazu in der Lage ist, selbst zu entscheiden, ob sie das will, entscheide ich es für sie. Und ich sage: ja, sie will. Auch, wenn es gerade nicht danach klingt.

Nicht für alle Kinder ist eine mehrwöchige Reha der richtige Weg, und schon gar nicht ein Intensivprogramm wie Adeli. Doch im Grunde kenne ich mein Bärli, und weiß, dass sie hart im Nehmen ist und kämpfen kann. Also versuche ich weiterhin, ihr zu erklären, wieso das, was wir hier machen, so wichtig ist, und warte darauf, dass sie bereit ist, mir zu glauben. Und ich klammere mich an den Gedanken, dass es zwar sicher nicht gut für sie ist, wenn sie im Training immer mal wieder weint, es aber noch beschissener für sie wäre, die Einheiten ausfallen zu lassen. Ob ich damit recht habe? Ich weiß es nicht, aber irgendeinem Weg muss man ja folgen. Das ist es am Ende des Tages doch, was alle Eltern machen, ob sie gesunde, kranke oder behinderte Kinder haben. Sich für eine Strategie entscheiden, die man für richtig hält, und hoffen, dem Nachwuchs dadurch möglichst wenig bleibende Schäden zu verpassen. Wird schon gut gehen, hat ja bei unseren Eltern damals auch geklappt, oder? Oder?? Ich seufze tief, und höre meine Psychotherapeutin aus der Ferne leise lachen. Kopf. Tisch. Oida…

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6 Gedanken zu “Die Adeli-Experience, Teil 1”

  1. Vielleicht wird Rosie nie verstehen was du alles, für sie, auf dich nimmst. Aber sie wird es spüren. Und du wirst es zurück bekommen.

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