Es ist Montag, 13 Uhr. Ich verlasse zügigen Schrittes das Büro und steuere die U-Bahnstation an. Der Zug fährt ein, gemeinsam mit etwa 50 anderen Menschen zwänge ich mich in den Waggon, die Rushhour der Teilzeitarbeitenden ist deutlich spürbar. Ein paar Stationen weiter kämpfe ich mich wieder aus der Bahn hinaus und starte meinen Bahnsteigtransfersprint/-slalom/-hindernislauf, denn ich weiß, dass ich nur eine Minute Zeit für den Wechsel von einer Linie zur anderen habe, wenn ich nicht weitere 8 Minuten mit dem Warten auf die nächste U-Bahn verbringen will. Die Leute, die immer noch nicht verstanden haben, dass man auf der Rolltreppe rechts steht, und links verdammt nochmal zügig voranschreitet, möchte ich dabei am liebsten mit dem Ellbogen auf diese eigentlich allgemein bekannte Norm hinweisen, auf die sich, so möchte man meinen, bereits Generationen vor mir geeinigt haben. Weil ich aber doch eine halbwegs vernünftige Kinderstube genossen habe, beschränke ich mich auf lautes, passiv-aggressives Räuspern, um die Menge vor mir zu teilen. Moses und Mama wären stolz auf mich, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Knapp aber doch lande ich mit einem gekonnten Hechtsprung erfolgreich in der nächsten U-Bahn, und kann es dabei gerade noch verhindern, dass mir die sich gnadenlos und guillotineartig schließenden Türen die Zehen des linken Fußes abhacken, denn die Wiener U-Bahn macht keine Gefangenen, sondern kurzen Prozess, sobald die Worte „bitte steigen Sie nicht mehr ein“ erklingen.
Ein paar Stationen weiter steige ich aus, laufe zum Auto und fahre die letzten paar Kilometer nach Hause, leise den Busfahrer verwünschend, der auf der einspurigen Straße vor mir an jeder Station gelassen stehen bleibt, was, wie jeder weiß, der nicht in urbanen Gefilden beheimatet ist, weder selbstverständlich noch zwingend notwendig ist, und somit von mir zu Recht als persönlicher Affront aufgenommen werden darf.
Daheim angekommen springe ich aus dem Auto und sortiere all meine Habseligkeiten in eine Hand, um mit der anderen die Türe aufsperren, ins Haus stolpern, und am Vorzimmerteppich umgehend erst mal alles fallen lassen zu können: Rucksack, Handy, Schlüssel, Sonnenbrille, und meine halbwegs seriöse Arbeitspersönlichkeitsfassade.
In der Küche beglückwünsche ich mich zur Voraussicht, mein Mittagessen gestern Abend vorgekocht zu haben, schiebe es zunächst in die Mikrowelle und mir danach hungrig in den Mund, und habe immerhin noch Zeit, meine Büroklamotten gegen mein deutlich weniger empfindliches, aber dafür auch deutlich weniger schickes „Pflegende-Mama-Outfit“ zu tauschen, eine Maschine Wäsche zu starten, den Geschirrspüler aus- und wieder einzuräumen und eine schnelle E-Mail an Rosies Physiotherapeutin zu schreiben, bevor der Fahrtendienst mich anruft, um mich zu informieren, dass mein Kind in 5 Minuten zuhause ist.
Pünktlich nehme ich also den Rolli samt Inhalt entgegen und verfrachte beides in die Küche, denn wenn Rosie nach Hause kommt, dann muss sie, ganz die Mama, erst mal was Essen. Kopfarbeit verbrennt offenbar mehr Kalorien als man glaubt, denn selten sehe ich mein Kind so gierig einen Snack verschlingen wie nach der Schule.
Den fertig abgefütterten Nachwuchs hebe ich danach zwecks „kleinem Service“ (aka frische Windel und, je nach vorhergegangener schulischer Aktivität, auch saubere Kleidung) aufs Pflegebett, schnalle ihn nach erfolgreicher Erledigung wieder in den Rolli und laufe durchs Haus, um alles zusammenzupacken, was wir in den nächsten Stunden brauchen könnten, denn Rosie hat einen Logopädietermin, und wir müssen dringend los. Ich werfe meinen Rucksack auf den Beifahrersitz, öffne die Kofferraumklappe, lasse die Hebebühne herunter und bugsiere Kind und Rolli damit ins Auto, natürlich nicht, ohne mir beim Festschnallen der Reifen zweimal den Kopf anzuhauen und laut und vernehmlich zu fluchen. Leicht verschwitzt und etwas keuchend klettere ich aus dem Kofferraum und verstaue die Hebebühne wieder, als es an meinem Handgelenk vibriert.
„Zeit für etwas Aktivität“, sagt meine Uhr. Und ich fange fassungslos an zu lachen. Care-Arbeit wird einfach nicht ernst genommen. Nicht von der Politik, nicht vom Patriarchat, und nicht einmal von meiner Smartwatch.
Was Mütter täglich leisten, könnten wir gesellschaftlich niemals stemmen, wenn wir es bezahlen müssten. Und so wie alles, was gratis ist, sind auch die vielen tausend Dinge, die wir im Alltag erledigen, bewältigen und gedanklich beisammen behalten, offenbar nichts wert. Ja, ich spreche hier ganz bewusst Mütter an, denn erstens, Statistik, und zweitens sind wir uns vermutlich einig, dass väterlichen Beiträgen zur Elternschaft immer noch mit Applaus, mütterlichen hingegen mit einem Achselzucken begegnet wird. Aber wer braucht schon Anerkennung, wir werden ja schließlich in Liebe und Kinderbussis bezahlt.
Vielleicht sollten wir einfach mal mit dem, was wir so tagein, tagaus tun, aufhören, und uns nur noch mit Dingen beschäftigen, die die Gesellschaft, in der wir alle sozialisiert wurden, potenzielle Arbeitgeber, oder unsere Sportuhren, als ernstzunehmende Aktivitäten bezeichnen. Mal schauen, wie lange es dauert, bevor man uns auf Knien anfleht, die Arbeit wieder aufzunehmen, und uns dafür den verdienten Respekt entgegenbringt. Ein Wunschtraum, ich weiß. Aber ein schöner. In der Zwischenzeit: keep being awesome, Ladies. Ich sehe euch. Ich weiß, was ihr leistet. Selbst, wenn die Welt manchmal ein Arschloch ist. Und eure Uhr auch.

Kathi, ich liebe deinen Schreibstil!
Wenn du ein Buch schreiben würdest, wäre es sicher ein Bestseller!
Haha, ich würd so gern, aber wann? Obwohl, laut Uhr hab ich ja eh nix zu tun… 🙂
Bravo ❤️❤️❤️ich liebe deine Beiträge
Danke du Liebe!