Dorfgemeinschaftsrelevanz

Der Sommer ist vorbei, und weil einem ja sonst in der eintönigen Arbeits- und Schulroutine schnell langweilig werden kann, war es mal wieder Zeit für eine Reha. Also auf ins Adeli-Medical-Center, das sich für uns in den letzten Jahren einfach am besten bewährt hat, obwohl, oder vielleicht gerade weil, das Programm dort so straff ist, dass man kaum Zeit totschlagen muss, die Tage gut gefüllt und die Kinder daher am Abend zu einer für die Begleitpersonen sehr angenehmen Zeit angemessen müde sind. Am liebsten sind sie halt doch, wenn sie schlafen.

Das Fazit nach zwei Wochen Bootcamp lautet diesmal: so eine Reha ist noch wesentlich weniger erfreulich, wenn man sich in den wenigen Stunden, in denen das Kind ohne elterliche Begleitung therapeutisch herausgefordert wird, nicht mit Sport und Selbstfürsorge, sondern mit Erwerbsarbeit und anwaltlich unterstützten Scheidungsvorbereitungen beschäftigt. Wobei sich ersteres hauptsächlich zeitintensiv, letzteres dafür emotional unerwartet anstrengend gestaltet. Wie sich herausgestellt hat, war es naiv von mir, an eine freundschaftliche, friedliche Scheidung zu glauben, selbst nach 20 gemeinsamen Jahren und allerlei zusammen durchtauchten, größeren und kleineren Katastrophen. Geschichte zählt nicht mehr, wenn’s um Geld geht. Auch eine Erkenntnis, die man so akzeptieren muss.

Abgesehen von meinem Mangel an Sport, der fehlenden Alone-Time, und der körperlichen Belastung, die das Konzept „zwei Wochen als einzige Begleitperson mit dem schwertbehinderten Kind in der Rehaklinik“ so mit sich bringt, lief es aber erstaunlich gut. Rosie war so ungewohnt kooperativ, dass ich manchmal misstrauisch ihre Muttermale kontrollieren musste, um mich zu versichern, dass das wirklich mein Kind ist, und mir nicht heimlich eine täuschend echte Kopie untergeschoben wurde. Keine Tobsuchtsanfälle, wenn ich sie ihren Therapeuten übergeben habe, keine Proteste, wenn wir vom Esstisch aufstehen mussten, obwohl es mit den anderen doch gerade so lustig war, und kein müdes Abendgeraunze, lediglich ein leichtes Augenreiben und ein Blick, der sagte: „Ich hab´ zwar schlimm FOMO, aber ich glaube, ich muss trotzdem langsam mal ins Bett!“ Ich hätte große Lust, mir selbst auf die Schulter zu klopfen und mir einzureden, dass das an meiner guten Erziehung, meiner konsequenten Haltung zum Thema „Therapie ist wichtig“, und an meiner eigenen, wachsenden Gelassenheit liegt, doch dann erinnere ich mich schnell wieder daran, dass etwa 80% im Leben mit Kindern Glückssache sind, und bedanke mich demütig beim Universum dafür, dass Rosie wohl gerade einfach eine wirklich gute Phase hat. Bloß nicht keck werden, wenn mal was gut läuft, das habe ich in den letzten Jahren auf die harte Tour gelernt. Das rächt sich, auf elterliche Überheblichkeit reagiert die Fügung nämlich in aller Regel unmittelbar und mit Nachdruck, und das will man keinesfalls riskieren.  

Was bei Rosie und mir bestimmt zur guten Laune beigetragen, und die Tage dadurch eindeutig schneller vergehen hat lassen, war die Gesellschaft, in der wir uns befanden. Nach beinahe acht Jahren ist man, wenn man den Kopf nicht gänzlich in den Sand steckt, automatisch ein Teil einer „Pflegende Eltern“-Bubble, und wenn man, wie ich, gezielt Kontakte knüpft, weil man früh verstanden hat, welche Vorteile das mit sich bringt, dann kennt man eben noch ein paar Leute mehr. So werden die Tische, die wir in der Bar oder im Speisesaal brauchen, mit jedem Aufenthalt größer, die Anzahl der eingespeicherten Telefonnummern umfangreicher, und die Querverbindungen zwischen den einzelnen Vereinen, Therapiezentren, Sportgruppen oder Arztwartezimmern, aus denen man sich kennt, erinnern allmählich an die Tafeln, auf denen in amerikanischen TV-Polizeirevieren Mordfälle aufgeschlüsselt werden. Und das ist gut so, denn das ist es, was pflegende Elternschaft auch bedeutet: Netzwerken. Sich mit Gruppen treffen und gemeinsam für die gute Sache kämpfen. Sich umeinander kümmern. Tipps geben, wie man mütterliche Rückenschmerzen in den Griff kriegt. Ein verstehendes Schulterklopfen und Ibuprofen anbieten, wenn auch diese Tipps irgendwann nicht mehr helfen. Ein anderes Kind schaukeln, währen die dazugehörige Mama wichtige Telefonate führt, sich im Gespräch mit anderen Eltern austauscht, oder einfach nur eine dringend notwendige Zigarette auf der Terrasse raucht. Erfahrungen zu Hilfsmitteln, Therapeuten, operativen Eingriffen und Krankenkassenargumentationen weitergeben. Da sein. Verstehen. Und viel, viel schwarzen Humor teilen.

Wir brauchen einander. Wer sich um ein schwerkrankes oder behindertes Kind kümmert, bei dem ist es mit der bloßen physischen Kinderbetreuung nicht getan. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder das beste Leben haben, das sie haben können, dann müssen wir recherchieren, lernen, kämpfen. Sorgen aussprechen. Ängste teilen. Im Idealfall mit einem ganzen Dorf im Rücken, auch, wenn unser Dorf oftmals hauptsächlich virtuell existiert, und sich aus Menschen mit den unterschiedlichsten Backgrounds, Charakteren, Stärken, Schwächen und Postleitzahlen zusammensetzt.

Das Ganze ist wohl wirklich mehr als die Summe seiner Teile. Aristoteles, du alter Haudegen!  Ich glaub, du warst da was ganz Großem auf der Spur.

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Ein Gedanke zu “Dorfgemeinschaftsrelevanz”

  1. Ich denke schwerkranke Kinder fühlen spezielle Situationen – in deinem Fall deinen Stress – noch viel genauer und intensiver und reagieren darauf. Ein gutes Netzwerk ist das um und auf. Weiterhin viel Kraft, freue mich immer wieder von Euch zu lesen.

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