Mein Leben, wie ich es mir vornehme:
Um 18:00 Uhr steht das Abendessen auf dem Tisch. Die Familie diniert in trauter Dreisamkeit, wobei der Mann und ich uns lächelnd dabei abwechseln, mit dem Löffelflugzeug auf des Kindeleins geöffneten Mund zuzuschweben, und so jeden Bissen mit angemessenem Entertainment zu begleiten. Nach dem Essen genießen Papa und Bärli noch etwas Qualitytime miteinander, während ich den Geschirrspüler ein- und die Küche aufräume. Danach lege ich mir mein Gewand für den nächsten Tag zurecht, packe meinen Rucksack, checke meinen Kalender, um zu sehen, ob ich an alles gedacht habe, und stelle fürs Kind ein bezauberndes Outfit für morgen zusammen. Ich gehe duschen, bringe erst Rosie und dann mich selbst ins Bett, lese noch ein paar Seiten, und um 21:30 Uhr drehe ich das Licht ab und schlafe ein.
Am nächsten Tag klingelt um 06:15 Uhr der Wecker. Gut ausgeschlafen stehe ich auf, gehe ins Bad, tausche Brille gegen Kontaktlinsen und schwebe 15 Minuten später gewaschen, frisiert, geschminkt und gut angezogen wieder heraus. In der Küche mache ich mir den ersten Kaffee des Tages, den ich in Ruhe trinke.
Um 06:45 Uhr öffne ich vorsichtig Rosies Zimmertüre, sie blinzelt mich verschlafen lächelnd an, ich hebe sie aus dem Bett und wir kuscheln erst mal ausgiebig. Dann lege ich sie auf den Wickeltisch, plaudere mit ihr, während ich ihr das bezaubernde Outfit, das schon bereit liegt, anziehe, und trage sie anschließend in die Küche. Dort mache ich ihr einen Pancake, und helfe ihr geduldig dabei, diesen mit ihrer kleinen Gabel selbst zu essen. Danach bestreiche ich ihr ein Butterbrioche mit Marmelade als Kindergartenjause, und lege wegen der Vitamine noch ein paar frische Erdbeeren dazu.
Um 07:30 Uhr sind wir mit dem Frühstück fertig und gehen ins Bad, wo ich Rosie die Zähne putze, ihr die Haare frisiere und einen Zopf mache. Dann ziehe ich ihr Schuhe und Weste an, schlüpfe in meine Jacke, schnappe mir unsere bereitstehenden Rucksäcke und meinen Schlüssel, und um 07:50 Uhr sitzen wir im Auto, um pünktlich um 08:00 Uhr im Kindergarten einzutreffen.
Mein Leben, so wie es wirklich läuft:
Um 18:00 Uhr kündigt das Klingeln des Ofens an, dass das Essen fertig ist, während mir einfällt, dass ich eigentlich noch einen Salat dazu machen wollte. Das Kind sitzt bereits am Tisch und reißt den Mund weit auf, um zu signalisieren, dass Mama jetzt endlich Futter ranschaffen sollte. Also richte ich ihr schon mal eine Portion an, damit der Mann mit der Raubtierfütterung beginnen kann, während ich den Salat wasche. Bis auch unsere Teller endlich gefüllt am Tisch stehen, haben Mann und Kind erst zwei bis drei Bissen geschafft, denn nur, weil Rosie lautstark nach ihrem Essen verlangt, heißt das noch lange nicht, dass sie auch bereit ist, es auch zu sich zu nehmen.
Beim Essen versuchen der Mann und ich, einander die Fütterungsverantwortung zu übergeben, in der Hoffnung, dass der andere heute mehr Nerven und daher auch Erfolg dabei hat, unter möglichst wenig Protest möglichst viele Kalorien ins Kind zu füllen. Irgendwann geben wir resigniert auf und versuchen, Rosie zumindest noch von einem möglichst zuckerhaltigen Nachtisch zu überzeugen.
Während der Mann das Kind in eine frische Windel und einen Pyjama steckt, um sie für ihre pädagogisch wertvolle abendliche Fernsehzeit vorzubereiten, lasse ich mich mit einem Glas Wein auf die Couch fallen, und schreibe ein paar WhatsApps an meine Freundinnen, zu denen ich tagsüber nicht gekommen bin. Während Rosie fernsieht, zwinge ich mich, die nötigsten Arbeiten in der Küche zu erledigen, damit mich am nächsten Tag beim Anblick eingetrockneter Töpfe und pickender Arbeitsflächen nicht der Schlag trifft.
Danach werfe ich das Kind ins und mich selbst aufs Bett, schaue mir irgendeinen Stumpfsinn auf Netflix an oder scrolle mich durch lustige Memes und Reddit Posts, um mein Hirn nach einem langen Tag herunterzufahren. Gegen 21:30 Uhr komme ich drauf, dass ich noch duschen sollte, und stehe ächzend und seufzend auf, um mich ein bisserl zu kultivieren. Um 21:45 Uhr falle ich wieder ins Bett, mit dem fixen Vorsatz, nur noch schnell einmal auf Facebook zu schauen, und den einen Artikel fertig zu lesen, den ich vor dem Duschen angefangen habe. Als ich das nächste Mal auf die Uhrzeit achte, ist es 23:55 Uhr. Ich lege also schnell mein Telefon auf den Nachttisch, denke mir, dass ich jetzt aber wirklich schnell einschlafen muss, und schlafe deswegen natürlich genau nicht schnell ein.
Da ich mal wieder vergessen habe, mir einen Wecker zu stellen, weckt mich tags darauf das kindliche Quäken gegen 06:40 Uhr. Ich versuche, Rosie zwei bis drei Mal über die Walkie Talkie Funktion des Babyphones zu überreden, mir noch ein paar Minuten zu gönnen, während ich tief in mir nach der Motivation suche, aufzustehen. Um kurz vor sieben Uhr hole ich sie dann tatsächlich aus dem Bett, verpasse ihr eine frische Windel und höre mir das erste Brüllkonzert des Tages an, weil ich ihr klarmachen muss, dass wir jetzt leider kein Buch anschauen können. Danach entscheide ich, je nach Fleckenintensität auf dem Vortagesgewand, wie viele frische Kleidungsstücke heute benötigt werden, zupfe ein paar Teile aus dem Kasten und hoffe, dass das, was ich dem Kind (unter Protest) über den instabilen Rumpf und die spastischen Gliedmaßen ziehe, halbwegs zusammenpasst, und sie nicht aussieht, als wäre sie einem Altkleidersack entsprungen. Diese Aktion dauert, wie immer, länger als geplant, weil ich nach vier Jahren immer noch nicht gelernt habe, dass das Bekleiden eines ICP Kindes einen nicht unbeträchtlichen Zeitaufwand darstellt.
Ein Blick auf die Uhr entscheidet die Frühstücksfrage: Grießkoch, für was anderes ist keine Zeit mehr. Während der Topf auf dem Herd steht, werfe ich eine Milchschnitte in Rosies Kindergartenrucksack, und lege wegen der Vitamine noch ein Obstquetschi dazu. Dann fülle ich meinen ToGo-Becher mit einem Kaffee für später, und beginne, Rosie ihren Brei mit den Worten „Mama macht das jetzt, für selber essen haben wir keine Zeit!“ in den Mund zu löffeln, was, wie man sich vorstellen kann, auf mäßige Begeisterung stößt.
Immer noch im Pyjama laufe ich danach ins Schlafzimmer und ziehe eine Hose aus meinem Kasten. Während des Anziehens bemerke ich, dass sie mir zu eng ist, aber da ich eh schon spät dran bin, denke ich mir „scheiß drauf“, ziehe den Bauch ein und schließe den Knopf. Dann ziehe ich mir ein Shirt über den Kopf, binde mir die Haare zu einer Frisur zusammen, die wirklich nur dazu dient, dass sie mir nicht mehr ins Gesicht fallen, und stelle mit einem Blick in den Spiegel fest, dass ich aussehe wie eine strubbelige Presswurst mit Augenringen.
Aus Zeitgründen würde ich gerne aufs Schminken verzichten, da fällt mir plötzlich ein, dass ich am Vormittag einen Termin mit der Krankenkasse habe, der Selbstbewusstsein und daher ein Mindestmaß an Styling voraussetzt. Also schnell ab ins Bad und Lidstrich, Wimperntusche und Concealer ins Gesicht geklatscht. Derart schadensbegrenzt laufe ich zurück in die Küche, um das Kind zu holen, und bugsiere mit der Linken den Rolli, mit der Rechten meinen Kaffeebecher und mit den Zähnen Rosies Rucksack ins Bad. Mittlerweile ist es 07:45 Uhr, und wir haben noch fünf Minuten Zeit, um Zähne zu putzen, Rosies Locken einmal durchzukämmen, und unsere Schuhe und Jacken anzuziehen. Kann sich ausgehen.
Nach einer Badezimmerblitzaktion und dem zweiten Messy Bun des Tages, diesmal fürs Kind, kicke ich unsere Sachen mit dem Fuß in Richtung Eingangstüre, und sammle am Weg dorthin Rosies ICP Sandalen auf, die sie im Kindergarten anziehen sollte. Dann möchte ich noch schnell meine Kopfhörer in meinen Rucksack packen, nur leider kann ich sie, mal wieder, nicht finden. Also nochmal zurück in die Küche, ins Schlafzimmer, und ins Bad. Meine hektische Suche wird begleitet von lautem Fluchen, genervtem Knurren und dem ein oder anderen verzweifelt ausgestoßenen „Das kann jetzt nicht wahr sein!!!“ Schließlich finde ich die Kopfhörer durch Zufall, als ich über meine am Boden liegende Pyjamahose stolpere, aus deren Tasche sie dabei fallen.
Es ist jetzt 07:56 Uhr, und ich murmle ununterbrochen „oida, oida, oida, oida“ vor mich hin, weil wir noch nicht mal die Schuhe anhaben, und ich Kind und Rolli auch noch ins Auto packen muss. Also springe ich in meine Sneakers, stopfe Rosie in ihre Winterjacke und reiße die Haustüre auf. Und das ist der Moment, in dem endlich so richtig in mein Bewusstsein vordringt, was ich zwar irgendwie schon gesehen, aber noch nicht mit allen Konsequenzen bedacht habe, nämlich, dass es in der Nacht geschneit hat, und das Auto mit einer dicken, angefrorenen weißen Schicht überzogen ist. Ich lasse den Kopf hängen und akzeptiere resigniert, dass wir heute mal wieder gar nicht pünktlich sein werden.
Vor etwa einem Monat hat eine gute Freundin zu mir gesagt: „Ich muss dir mal ein großes Lob aussprechen, du bist immer so unglaublich organisiert!“
Manchmal, wenn ich schlecht drauf bin, dann denke ich daran, und lache und lache und lache…

Liebe Katharina!
Ich freue mich immer auf Neues von Euch! Du schreibst herrlich leicht über wahrscheinlich manchmal kaum Auszuhaltendes, soviele schlaue Erkenntnisse, die ich mir „damals“ als Mami von Kleinkindern gewünscht hätte und alles mit einer unerschrockenen Offenheit, dass ich (leider) fälschlicherweise annehme, euch gut zu kennen. Ich vermisse euch in den Zeiten zwischen deinen Blogs, bin schon süchtig 😉. Denke an dich, an euch und wünsche dir weiter viel Kraft, Humor und freie Zeit!
Liebe Sabrina,
bitte entschuldige die späte Antwort, im Moment geht es bei uns drunter und drüber. Details folgen im nächsten Blogbeitrag, den es hoffentlich auch bald gibt. Vielen Dank jedenfalls für deine lieben Worte, es freut mich sehr, dass dir gefällt, was du liest 🙂
Alles Liebe, Katharina